Tegernsee (ots)

Westfalen verlagert Wachstum nach Europa: Höhere Investitionen, neue Standorte und Druck auf den Industriestandort Deutschland.

Das meldete Westfalen AG & Co. KG laut dpa Presseportal (ots) am 09.07.2026 aus Münster. Für Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen ist die Nachricht relevant, weil sie zeigt, wie ein Industrieunternehmen auf schwache Konjunktur, hohe Energiekosten und regulatorische Unsicherheit reagiert: mit mehr Kapital im Ausland. Westfalen erhöhte seine Investitionen im Geschäftsjahr 2025 um rund 30 Prozent auf mehr als 90 Millionen Euro und stärkt Produktion und Logistik in Frankreich, Österreich und der Schweiz.

Europa wird zum strategischen Ausweichraum

Nach Angaben aus der Mitteilung sieht Vorstandschef Dr. Thomas Perkmann in Europa die Antwort auf die schwächelnde Wirtschaftslage im Kernmarkt Deutschland. Das Unternehmen will sich breiter aufstellen, die Lieferfähigkeit erhöhen und die Abhängigkeit vom deutschen Markt verringern. Für andere Entscheider ist das ein Signal: Wenn sich Investitionen am Heimatstandort nur noch schwer rechnen, wandert Wachstum dorthin, wo Planung und Kosten besser zusammenpassen.

Perkmann kritisiert vor allem hohe Energiekosten, Bürokratie und mangelnde Verlässlichkeit. Diese Einschätzung ist die Position des Unternehmens, nicht eine unabhängige Bewertung. Zugleich macht Westfalen deutlich, dass es trotz der schwierigen Lage an der Transformation festhält. Mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro und einem EBIT von 95 Millionen Euro sieht sich der Konzern dafür wirtschaftlich gut genug aufgestellt.

Was die Wasserstoff- und Wärmemärkte aus dem Fall lernen

Besonders deutlich wird der Standortdruck laut Westfalen bei Wasserstoffprojekten. In Frankreich laufe ein Elektrolyseur in Florange bereits im Testbetrieb, weitere Vorhaben seien geplant. Vergleichbare Projekte in Deutschland seien wegen der Strompreise derzeit nicht wirtschaftlich darstellbar. Auch das zeigt: Wer in klimafreundliche Technologien investieren will, braucht nicht nur Technik, sondern belastbare Rahmenbedingungen.

Im Wärmemarkt beobachtet Westfalen ebenfalls Zurückhaltung. Das Unternehmen hat Anbieter für Wärmepumpen und Energiemanagement übernommen und in der Westfalen Energietechnik gebündelt, doch die Debatten um das Gebäudemodernisierungsgesetz hätten die Nachfrage gebremst. Für Mittelständler ist das ein Hinweis, wie stark politische Unsicherheit Investitionsentscheidungen auf Kunden- und Anbieterseite verzögern kann.

Trotzdem hält Westfalen an seiner Dekarbonisierungsstrategie fest. Seit 2019 seien die eigenen CO2-Emissionen um 72 Prozent gesenkt worden, bis 2030 soll Netto-Null erreicht werden. Für 2026 erwartet das Unternehmen einen deutlichen Umsatzanstieg und einen leicht höheren Gewinn. Das Fazit für die Branche: Wer international investiert, sichert sich Spielräume — aber der Preis dafür ist oft die schleichende Verlagerung von Wertschöpfung aus Deutschland nach Europa.

Quelle: Westfalen verlagert Wachstum nach Europa – Pressemitteilung auf presseportal.de
Bild: KI-generiertes Symbolbild